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Einkehr

Oft werde ich gefragt, wie es sich so reist, alleine. "Fühlst du dich nicht einsam? Langweilst du dich nicht manchmal?" Eine Zwischenbilanz nach über acht Monaten allein im Van: zu meiner Angst vor dem Alleinsein, Kommunikation und einem kleinen bisschen Selbstfindung.


Eine Kreuzung ohne Wegweiser


Daran, wie es mir vor einem Jahr ging, erinnere ich mich noch verdammt gut. In das Jahr 2023 bin ich damals mit einer Trennung gestartet und über Wochen war mein Gesicht im Normalzustand aufgequollen, weil ich tagelang nahezu ununterbrochen nur geweint habe. Zuvor bin ich über viele Jahre von einer Beziehung in die nächste gerutscht und auf die Frage nach meiner größten Angst hätte ich immer und ohne zu zögern geantwortet: "Ich habe Angst, irgendwann allein zu sein."


Dass diese Beziehung letztes Jahre geendet ist, war nicht nur gut, sondern auch längst überfällig. Damit kam das Rutschen an ein Ende und ich war endlich wieder in der Lage, meinen eigenen Weg unabhängig von anderen zu wählen. Ich erinnere mich gut an das krampfartige, lähmende Weinen und ich erinnere mich gut an die Angst. Da war diese unglaubliche Angst vor meinem eigenen Weg, denn ich wusste zwar nur ungefähr, wohin er mich führen sollte, wusste aber genau, dass ich mich eher durch die Büsche schlagen würde, als den regulären Pfad zu nutzen.


Kommunikation: Der Weg zu meinem extrovertierten Selbst


Schiefe Blicke bei einem unpassenden Satz oder Stille nach einem misslungenen Scherz: Diese sozialen Sanktionen für fehlende kommunikative Kompetenz haben eine unglaubliche Macht. Die Scham und die Unsicherheit, die damit einhergehen, kenne ich von früher nur zu gut.


Dafür, dass ich in den vergangenen Jahren immer wieder als extrovertiert wahrgenommen wurde, habe ich lange gearbeitet und mich über Jahre trainiert. Ich habe mich immer wieder in Situationen gebracht, in denen ich kommunizieren musste und das Kommunizieren üben konnte, denn das ist mir nicht immer leicht gefallen.


Nun bin ich seit über acht Monaten alleine unterwegs und Kommunikation nimmt für mich eine ganz neue Rolle ein. Verbales Kommunizieren ist für mich oft kein Alltag mehr. Manchmal vergehen mehrere Tage, an denen ich nur wenige Sätze zu anderen Menschen sage, zum Tankwart beispielsweise oder im Supermarkt (und das nicht einmal in einer gemeinsamen Sprache).


Für jemanden, der gerne viel spricht, kann das eine ziemliche Herausforderung sein. Dann werden bei mir die Sprachnachrichten länger (und die Selbstgespräche auch). Dann, wenn ich ehrlich bin, sehne ich mich manchmal nach einem guten Gespräch. Darin liegt jedoch das Wesentliche: Ich sehne mich nicht nach irgendeinem Gespräch, sondern nach einer guten Unterhaltung. Denn inzwischen ist noch etwas anderes mit mir passiert: Ich kann die Stille genießen und habe das Schweigen lieben gelernt.


Die Renaissance meines introvertierten Ichs


Manchmal, früher, habe ich mich nicht nur im Kommunizieren geübt, sondern regelrecht zum Kommunizieren gezwungen. FOMO, kurz für "Fear of missing out" (dt.: Angst, etwas zu verpassen), ist sicher einer der Gründe dafür. Nur nicht vereinsamen unter all diesen Menschen, immer gut drauf sein, mit ein paar schlauen Sätzen und einem netten Lächeln im Gepäck - Vitamin B schadet schließlich nur denen, die es nicht haben.


Aus meiner Angst vor dem Alleinsein heraus habe ich mich manchmal völlig übersozialisiert, mit Kontakt zu anderen Menschen überladen und an Beziehungen geklammert, die mir nicht gut getan haben. Dabei habe ich gelernt, wie man unter Menschen einsam ist. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich allein auf Reisen nicht mitunter auch einsam gefühlt hätte, aber so einsam, wie ich mitunter unter Menschen schon war, so einsam war ich allein nur selten.


Befreiung


Kommunikation auf Reisen hat für mich also oft nichts alltägliches mehr und vielleicht liegt darin meine größte Befreiung. Ich habe gelernt, allein zu sein und mir selbst zu genügen. Ich bin gern allein und habe meine introvertierte Seite wiedergefunden, sie gut kennen- und lieben gelernt.


Ich habe gelernt, mich mit den richtigen Menschen zu umgeben und sie wertzuschätzen, gute Gesprächspartner:innen nicht für selbstverständlich zu nehmen und sie innerhalb kurzer Zeit zu erkennen, denn das Leben auf Reisen ist schnell und manchmal gibt es keinen zweiten Tag. Dadurch wird Kommunikation zwischen Reisenden direkter: Es gibt kein Rarmachen und kein Zögern, denn in der Regel sieht man sich eben nicht zwei Mal im Leben.


Ich habe gelernt, das Schweigen zu genießen. Reden fällt mir unglaublich schwer, wenn mir Menschen nicht sympathisch oder die Themen egal sind. Dann finde ich Stille einfach ungleich attraktiver. Früher hätte ich mich gefragt, was mit mir nicht stimmt. Mittlerweile weiß ich, dass es Menschen gibt, mit denen ich einfach nicht kompatibel bin und vor allem habe ich gelernt, dass ich nicht immer sozial kompatibel sein muss.


Schlussendlich bin ich meinem Selbst näher gekommen, ganz einfach dadurch, dass ich mich notwendigerweise im Alleinreisen mit mir selbst auseinandersetzen muss, aber auch, weil ich das unabhängig von alten Mustern tun kann. Es gibt niemanden, dem ich Rechenschaft über mein Verhalten schulde, außer mir selbst. Ich kann mich mit jedem Tag entscheiden, wie ich heute zu meinem besten Ich werde, ich kann mich ausprobieren und bin völlig frei in der Auswahl meiner Mittel. Vor einigen Monaten habe ich geschrieben: "Ich reise nicht, um mich zu suchen. Gefunden habe ich mich trotzdem." Oder besser: Ich finde mich immer noch.


Foto: Fred Weigl (Tbilisi)

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