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Gedanken aus Georgien

T'bilisi, 25.11.2023


Langsam wird es kalt draußen, auch in Georgien. Nachdem ich Anfang November meine Morgende noch im Meer oder Fluss begonnen habe, war es nun an der Zeit, mich mit einem Wintermantel auszustatten. Es ist an der Zeit für mich, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Für die nächsten vier Wochen bleibe ich hier, in einer richtigen Wohnung mit Warmwasser und Stehhöhe. Ich werde in diesem Jahr im Kaukasus überwintern, die kommenden Monate zwischen Georgien, Armenien und Aserbaidschan verstreichen lassen und vielleicht auch ein wenig verarbeiten, was sich zuletzt alles so ereignet hat.


Auf diesem Blog ist es verdammt ruhig geworden, denn die reißenden Winde, brodelnden Gewässer und lodernden Feuer meiner letzten Monate, in mir und um mich herum, hätte ich ohnehin kaum noch in Worte fassen können. Zwischen tiefem, inneren Frieden und brennender Wut, zwischen Traurigkeit, die mich von innen heraus zerfressen hat, und allumfassender Ekstase habe ich alles durchlebt, sodass ich mich manchmal fragen musste, ob ich inzwischen verrückt geworden bin. Vielleicht ist dem so.


Ich kenne keine Grenzen mehr, keinen Anfang und kein Ende, ich kenne keine Liebe mehr, doch liebe ich mehr denn je. Ich kenne keine Vergangenheit mehr und keine Zukunft, keine Sicherheiten, keine Selbstverständlichkeit. Alles ist möglich und nichts zugleich, keine Struktur, nichts Undenkbares.


Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich eine Playlist mit dem Namen "my life is a movie". Das wäre ein abgefahrener Streifen, sage ich euch. Also gebe ich in den kommenden Tagen und Wochen mein Bestes, hier auf diesem Blog in allen Farben mit Worten zu zeichnen, was sich auf dieser Kinoleinwand abspielt, abgespielt hat, abspielen würde, sich abgespielt hätte. Ich gebe mein Bestes, die Ausblicke und Augenblicke, Blicke und Berührungen, Geschmäcker und Gerüche dieser Zeit in Worten zu fassen, um in großmütterlicher Manier zu konservieren, einzukochen und einzuwecken, was nicht zu konservieren ist.



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